Energieatlas Berlin: Energiedaten als Standortfaktor – und warum das für Rechenzentren besonders relevant ist

Die Energiewende ist in Berlin längst nicht mehr nur eine Frage einzelner Solaranlagen, Wärmepumpen oder Förderprogramme. Sie wird zunehmend zu einer räumlichen Infrastrukturaufgabe. Wo wird Energie verbraucht? Wo liegen Wärmenetze? Wo entstehen neue große Stromlasten? Wo gibt es nutzbare Abwärme? Und welche Standorte eignen sich, um digitale Infrastruktur, Stromversorgung und Wärmewende sinnvoll zusammenzudenken?

Genau hier setzt der Energieatlas Berlin an.

Link: https://energieatlas.berlin.de/

Er bündelt energierelevante Daten der Hauptstadt in einer digitalen Karten- und Diagrammanwendung und macht sichtbar, wie Energieverbrauch, Energieerzeugung, erneuerbare Energien und Wärmeinfrastruktur räumlich verteilt sind. Die Plattform richtet sich an Bürgerinnen und Bürger, Politik, Unternehmen und Verwaltung und soll die Energiewende in Berlin transparenter und besser planbar machen.

Die Präsentation zum Energieatlas nennt als zentrale Funktionen die Kartenansicht energierelevanter Daten, die Überlagerung unterschiedlicher Datenthemen, aggregierte Daten und Zeitreihen im Diagrammbereich, den Export als XLSX, die Einbindung über WFS-/WMS-Dienste in eigene GIS-Systeme sowie das Teilen von Kartenständen per Link.

Was der Energieatlas allgemein leistet

Der Energieatlas erschließt eine Vielzahl von Themen, die für die Berliner Energiewende relevant sind. Dazu gehören Energieverbräuche, Wärmeplanung, Wärmeversorgung, Abwärme, Biomasse, Geothermie, Solarenergie und Stromspeicher. Für die praktische Arbeit ist besonders wichtig, dass viele dieser Informationen auch über das Berliner Open-Data-Portal als WMS- oder WFS-Dienste verfügbar sind und damit in Fachverfahren, eigene GIS-Anwendungen oder Standortanalysen eingebunden werden können.

Link: https://daten.berlin.de/datensaetze?tags=Energieatlas

Ein besonders wichtiger Baustein ist die Wärmeplanung Berlin. Dieser Datensatz enthält Informationen zur Bestands- und Potenzialanalyse sowie zu voraussichtlichen Wärmeversorgungsgebieten der gesamtstädtischen Wärmeplanung. Er richtet sich auch an potenzielle Betreiber von Wärmeerzeugungsanlagen bzw. Wärmeinfrastrukturen sowie an Planungsstellen der Berliner Verwaltung.

Link: https://daten.berlin.de/datensaetze/warmeplanung-wms-ea5bbf03

Ebenfalls relevant ist der Datensatz Energienetze. Er zeigt flächenbezogen Stadtgebiete, die sich in einem maximalen Abstand von 250 Metern zu einem Fernwärme- oder Gasnetz befinden. Wichtig ist die Einschränkung: Eine leitungsliniengetreue Darstellung ist aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht möglich. Für eine erste Standortbewertung ist der Datensatz dennoch hilfreich, weil er früh erkennen lässt, ob ein Standort grundsätzlich in einem energiewirtschaftlich relevanten Umfeld liegt.

Link: https://daten.berlin.de/datensaetze/energienetze-wfs-405172a3

Für die Einordnung bestehender Lasten kann der Datensatz Energieverbrauch Strom genutzt werden. Er enthält Stromverbräuche aggregiert nach Gebäudeblöcken, Bezirken und Postleitzahlgebieten. Eigenverbrauch und Netzverluste sind nicht enthalten; einzelne Gebäudeblöcke werden aus Datenschutzgründen nicht ausgewiesen.

Link: https://daten.berlin.de/datensaetze/energieverbrauch-strom-umweltatlas-wfs-238921d9Für ergänzende erneuerbare Erzeugung ist der Datensatz Solaranlagen Photovoltaik interessant. Er enthält standort- und flächenbezogene Informationen zu Photovoltaikanlagen, insbesondere installierte Leistung, Stromeinspeisung, relative Deckungsrate und Dachflächenpotenziale für PV. Das Energieatlas-Team weist zudem darauf hin, dass im Energieatlas Darstellungen für PV-Anlagen und PV-Potenziale verfügbar sind. Link: https://daten.berlin.de/datensaetze/solaranlagen-photovoltaik-umweltatlas-wfs-dfb86f73

Warum der Energieatlas für Rechenzentren besonders wichtig ist

Rechenzentren sind digitale Infrastruktur. Zugleich sind sie große energiewirtschaftliche Standortvorhaben. Sie benötigen leistungsfähige Stromanschlüsse, Glasfaseranbindung, geeignete Flächen, Kühlung, Betriebssicherheit und zunehmend belastbare Konzepte für Energieeffizienz und Abwärmenutzung.

Der Bedarf an Rechenzentrumskapazitäten wächst stark. Nach Bitkom gab es 2025 in Deutschland rund 2.000 Rechenzentren mit mehr als 100 Kilowatt Anschlussleistung. Die Leistung aller deutschen Rechenzentren stieg 2025 auf 2.980 Megawatt und soll bis 2030 mehr als 5.000 Megawatt erreichen. Besonders dynamisch wächst der KI-Bereich: KI-Rechenzentrumskapazitäten sollen von 530 Megawatt auf 2.020 Megawatt im Jahr 2030 steigen.

Link: https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Rechenzentren-Deutschland-KI-treibt-Wachstum

Für Berlin bedeutet das: Rechenzentren können nicht nur als klassische Gewerbeansiedlungen betrachtet werden. Sie sind zugleich Stromlast, Wärmequelle, Infrastrukturbaustein und Standortfaktor für digitale Souveränität. Deshalb gewinnt die Frage an Bedeutung, wo Rechenzentren stadtverträglich, netzdienlich und wärmeintegriert entstehen oder erweitert werden können.

Energieatlas als Standort-Screening für Rechenzentren

Für Ansiedlung und Erweiterung kommerzieller Rechenzentren kann der Energieatlas als erstes Standort-Screening dienen. Er ersetzt keine Netzanschlussprüfung und keine planungsrechtliche Bewertung. Er hilft aber dabei, früh zu erkennen, ob ein Standort energieräumlich plausibel ist.

Besonders relevant sind dabei die Layer zu Wärmeplanung, Energienetzen, Stromverbrauch, Abwärme, Photovoltaik-Potenzialen, Geothermie und Stromspeichern. Durch die Überlagerung dieser Daten kann sichtbar werden, ob ein Standort in der Nähe bestehender oder geplanter Wärmenetze liegt, ob Abwärmenutzung grundsätzlich denkbar erscheint und welche energiewirtschaftliche Ausgangslage im Umfeld besteht.

Gerade für Rechenzentren ist diese Vorprüfung wichtig, weil Abwärmenutzung stark vom Standort abhängt. Ein Rechenzentrum erzeugt zwar kontinuierlich Wärme. Ob diese Wärme aber genutzt werden kann, hängt davon ab, ob ein Wärmenetz, ein Quartier, ein Großabnehmer oder eine andere Wärmesenke räumlich und technisch erreichbar ist.

Abwärme wird zum Standortkriterium

Die Abwärme von Rechenzentren ist kein Nebenthema mehr. Das Energieeffizienzgesetz enthält besondere Anforderungen an Rechenzentren. Neue Rechenzentren müssen je nach Inbetriebnahmedatum einen steigenden Anteil wiederverwendeter Energie aufweisen; nach der geltenden Regelung steigt die Anforderung auf 20 Prozent für Rechenzentren, die ab dem 1. Juli 2028 den Betrieb aufnehmen.

Link: https://www.gesetze-im-internet.de/enefg/

Zusätzlich besteht mit dem Energieeffizienzregister für Rechenzentren ein bundesweites Register, das Vorgaben und Meldepflichten zur Energieeffizienz von Rechenzentren, zur Abwärmenutzung sowie zu Energie- und Umweltmanagementsystemen flankiert.

Link: https://www.bfee-online.de/BfEE/DE/Effizienzpolitik/Energieeffizienzregister_Rechenzentren/energieeffizienzregister_rechenzentren_node.html

Für Berlin bedeutet das: Neue Rechenzentren sollten möglichst dort entstehen, wo Abwärme nicht nur formal bilanziert, sondern praktisch nutzbar gemacht werden kann. Der Energieatlas kann dabei helfen, früh geeignete Standorte zu identifizieren und ungeeignete Standorte auszuschließen.

Wärmeplanung und Rechenzentren zusammenbringen

Die Berliner Wärmeplanung ist für Rechenzentren besonders relevant. Sie zeigt, welche Gebiete perspektivisch zentral über Wärmenetze, dezentral oder über andere Versorgungslösungen versorgt werden können. Für Rechenzentren ist das entscheidend, weil ihre Abwärme nur dann einen Beitrag zur Wärmewende leisten kann, wenn sie in eine geeignete Wärmeinfrastruktur eingebunden wird.

Die Nationale Rechenzentrumsstrategie ordnet Rechenzentren als strategische digitale Infrastruktur ein und betont zugleich die Bedeutung von Energieeffizienz, Standortfragen, Stromversorgung und Abwärmenutzung.

Link: https://bmds.bund.de/service/publikationen/nationale-rechenzentrumsstrategie

Auch die Berliner Fernwärmeseite unterstreicht diese Logik. Im Dekarbonisierungsfahrplan der BEW wird darauf hingewiesen, dass in Berlin mehrere neue Rechenzentren in Planung sind, dass Stromnetzkapazitäten die Dynamik begrenzen können und dass neue Rechenzentren möglichst geringe Entfernungen sowohl zum Hoch- und Höchstspannungsnetz als auch zum Fernwärmenetz aufweisen sollten.

Link: https://www.bew.berlin/binaries/content/assets/website/downloads/dekarbonisierungsfahrplan-fur-die-warmenetze.pdf

Konkrete Berliner Perspektiven

Die Abwärmenutzung aus Rechenzentren ist in Berlin nicht nur theoretisch. In einer parlamentarischen Antwort zum Thema „Heizen mit Serverwärme“ werden mehrere konkrete Ansätze genannt. Dazu gehören das Quartier „Das Neue Gartenfeld“ in Spandau, die geplante Nutzung von Rechenzentrumsabwärme im Marienpark sowie eine Versorgung des Pallasseums in Schöneberg zu einem erheblichen Anteil mit Abwärme aus einem nahe gelegenen Rechenzentrum.

Link: https://pardok.parlament-berlin.de/starweb/adis/citat/VT/19/SchrAnfr/S19-21924.pdf

Besonders relevant sind die geplanten Rechenzentren an den BEW-Standorten Klingenberg und Marzahn. Dort soll die Abwärme mithilfe von Großwärmepumpen in das Berliner Verbundnetz eingebunden werden. Genannt werden 300 bis 400 GWh nutzbare Wärme pro Jahr je Rechenzentrum mit einer Realisierungsperspektive bis 2030.

Link: https://pardok.parlament-berlin.de/starweb/adis/citat/VT/19/SchrAnfr/S19-21924.pdf

Diese Beispiele zeigen, warum der Energieatlas für die Rechenzentrumsentwicklung in Berlin so wertvoll ist: Er macht sichtbar, wo digitale Infrastruktur und Wärmewende räumlich zusammenpassen könnten.

Photovoltaik, Speicher und Nachhaltigkeitskommunikation

Photovoltaik auf dem Dach eines Rechenzentrums wird den Strombedarf eines größeren Rechenzentrums in der Regel nur zu einem kleinen Teil decken. Trotzdem sind PV-Potenziale wichtig. Sie können zur Eigenversorgung beitragen, Dachflächen sinnvoll nutzen, ESG-Konzepte unterstützen und die Akzeptanz eines Standorts verbessern.

Der Energieatlas bietet hierfür mit den Solar-Layern eine erste Orientierung. Der Datensatz zu Photovoltaik-Anlagen und PV-Potenzialen enthält Angaben zu installierter Leistung, Stromeinspeisung, relativer Deckungsrate und Dachflächenpotenzialen.

Link: https://daten.berlin.de/datensaetze/solaranlagen-photovoltaik-umweltatlas-wfs-dfb86f73Ergänzend können Stromspeicher-, Geothermie- und Wärmeplanungsdaten genutzt werden, um Standorte nicht nur nach klassischer Flächenverfügbarkeit, sondern nach ihrer energiewirtschaftlichen Integrationsfähigkeit zu bewerten. Der Energieatlas wird zudem weiterentwickelt; genannt werden u. a. zusätzliche Filterfunktionen, Abwärmepotenziale, EnergyMap Berlin, Solarpotenziale, Geothermie und Daten der Berliner Wärmeplanung.

Nutzen für Verwaltung, Wirtschaftsförderung und Standortsteuerung

Für die Berliner Verwaltung und Wirtschaftsförderung kann der Energieatlas helfen, Rechenzentrumsanfragen strukturierter einzuordnen. Eine erste Prüflogik könnte beispielsweise folgende Fragen umfassen:

Liegt der Standort in oder nahe bei einem bestehenden oder geplanten Wärmenetzgebiet?

Gibt es im Umfeld erkennbare Wärmeabnehmer oder hohe Wärmedichten?

Welche Aussagen enthält die Wärmeplanung für das Gebiet?

Welche Stromverbrauchsstruktur ist im Quartier bereits erkennbar?

Welche PV-, Speicher- oder Geothermiepotenziale bestehen?

Lässt sich der Standort mit weiteren GIS-Daten zu Flächen, Planungsrecht, Glasfaser, Stromnetz und Umweltbelangen verschneiden?

Besonders wichtig ist dabei die GIS-Fähigkeit. Der Energieatlas bietet WFS-/WMS-Dienste und erlaubt damit die Integration in eigene Fachverfahren. So kann er mit weiteren Datenquellen verbunden werden, etwa zu Gewerbeflächen, Brownfield- und Konversionsflächen, planungsrechtlichen Restriktionen, Glasfasertrassen, Umspannwerksnähe oder Umweltbelangen.

Grenzen des Energieatlas

Der Energieatlas ist kein Genehmigungstool. Er ersetzt insbesondere nicht die Prüfung durch Stromnetzbetreiber, Wärmenetzbetreiber, Bauleitplanung, Genehmigungsbehörden oder Eigentümer. Auch Aussagen zu freier Stromnetzkapazität, konkreten Netzanschlusspunkten, Redundanzanforderungen, Lärm, Kühlung, Wasserbedarf, Brandschutz und Wirtschaftlichkeit der Abwärmenutzung müssen gesondert geprüft werden.

Sein Wert liegt in der frühen Orientierung. Der Energieatlas zeigt, wo sich ein genauerer Blick lohnt, wo energetische Chancen bestehen und wo mögliche Konflikte früh sichtbar werden.

Weiterführende Links

Energieatlas Berlin
https://energieatlas.berlin.de/Berliner Open-Data-Portal: Energieatlas-Datensätze
https://daten.berlin.de/datensaetze?tags=Energieatlas

Wärmeplanung Berlin
https://daten.berlin.de/datensaetze/warmeplanung-wms-ea5bbf03

Energienetze Berlin
https://daten.berlin.de/datensaetze/energienetze-wfs-405172a3Energieverbrauch Strom Berlin
https://daten.berlin.de/datensaetze/energieverbrauch-strom-umweltatlas-wfs-238921d9Solaranlagen Photovoltaik Berlin
https://daten.berlin.de/datensaetze/solaranlagen-photovoltaik-umweltatlas-wfs-dfb86f73Bitkom: Rechenzentren in Deutschland / KI treibt Wachstum
https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Rechenzentren-Deutschland-KI-treibt-WachstumEnergieeffizienzgesetz
https://www.gesetze-im-internet.de/enefg/Energieeffizienzregister für Rechenzentren
https://www.bfee-online.de/BfEE/DE/Effizienzpolitik/Energieeffizienzregister_Rechenzentren/energieeffizienzregister_rechenzentren_node.htmlNationale Rechenzentrumsstrategie
https://bmds.bund.de/service/publikationen/nationale-rechenzentrumsstrategieBEW-Dekarbonisierungsfahrplan für die Wärmenetze
https://www.bew.berlin/binaries/content/assets/website/downloads/dekarbonisierungsfahrplan-fur-die-warmenetze.pdfParlamentarische Antwort: Heizen mit Serverwärme
https://pardok.parlament-berlin.de/starweb/adis/citat/VT/19/SchrAnfr/S19-21924.pdf

Fazit

Der Energieatlas Berlin ist ein wichtiges Transparenz- und Planungsinstrument für die Energiewende in der Hauptstadt. Sein besonderer Nutzen für Rechenzentren liegt darin, dass er digitale Infrastruktur räumlich mit Energie- und Wärmeinfrastruktur zusammendenkbar macht.

Für kommerzielle Rechenzentren ist er vor allem als frühes Standort-Screening, als Abwärme- und Wärmenetzindikator, als GIS-Baustein für Standortbewertung und als Grundlage für eine bessere Abstimmung zwischen Rechenzentrumsbetreibern, Wärmenetzbetreibern, Verwaltung und Wirtschaftsförderung relevant.

Berlin sollte den Energieatlas deshalb nicht nur als Informationsportal verstehen, sondern als Baustein einer strategischen Rechenzentrumssteuerung. Rechenzentren sollten dort entstehen oder erweitert werden, wo sie digitale Souveränität, Netzverträglichkeit, Flächeneffizienz und Wärmewende möglichst gut miteinander verbinden. Der Energieatlas kann diese Entscheidung nicht abschließend treffen. Er kann aber früh sichtbar machen, wo sich ein genauerer Blick lohnt – und wo nicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert