Ein Meinungsbeitrag zur Berliner Abgeordnetenhauswahl 2026
Was sich der Senat vorgenommen hatte
Als CDU und SPD 2023 ihre Regierungsarbeit aufnahmen, sollte vieles besser werden. Der Koalitionsvertrag stand unter dem selbstbewussten Motto „Das Beste für Berlin“. Versprochen wurden eine funktionierende Verwaltung, klare Verantwortlichkeiten, eine moderne Hauptstadtpolitik und ein professionelles Personalmanagement.
Drei Jahre später lohnt sich ein Blick auf die Personalbilanz. Denn neben politischen Streitigkeiten fällt vor allem eines auf: eine bemerkenswerte Serie von Rücktritten, Entlassungen, Fehlbesetzungen und Personalquerelen.
Der rbb fasste die Regierungsbilanz inzwischen selbst mit den Worten „Affären und Personalpannen“ zusammen.
https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2026/07/berlin-landesregierung-spd-cdu-bilanz-drei-jahre.html
1. Manja Schreiner: Doktortitel weg – Senatorin weg
Im April 2024 erkannte die Universität Rostock Verkehrssenatorin Manja Schreiner den Doktortitel ab. Schreiner trat daraufhin als Senatorin zurück.
So hatte man sich den personellen Neustart Berlins vermutlich nicht vorgestellt.
https://www.tagesspiegel.de/berlin/uni-erkennt-doktortitel-ab-berlins-verkehrssenatorin-manja-schreiner-tritt-zuruck-11595290.html
2. Joe Chialo: Hoffnungsträger mit vorzeitigem Abgang
Joe Chialo galt lange als eines der bundesweit bekanntesten Gesichter der Berliner CDU. Doch im Mai 2025 war Schluss. Nach heftigen Auseinandersetzungen um die Kürzungen im Kulturhaushalt bat der Kultursenator um seine Entlassung.
Aus dem politischen Hoffnungsträger wurde der nächste prominente Abgang.
https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2025/05/berlin-kultur-senator-joe-chialo-ruecktritt.html
3. Oliver Friederici: Auch in der zweiten Reihe wird gewechselt
Nicht nur Senatorinnen und Senatoren sorgten für Bewegung auf dem Personalkarussell. Auch auf Staatssekretärsebene kam es zu Abgängen und Umbesetzungen.
Damit wurde zunehmend sichtbar: Das Problem beschränkte sich nicht auf einzelne Ressorts oder einzelne Personen. Die Personalunruhe hatte System.
4. Sarah Wedl-Wilson: Chialos Nachfolgerin – und schon wieder Schluss
Nach Joe Chialo übernahm Sarah Wedl-Wilson die Kulturverwaltung.
Doch auch dieser Versuch einer personellen Stabilisierung hielt nicht lange. Nach massiver Kritik des Berliner Rechnungshofes an der Fördermittelvergabe wurde Wedl-Wilson im April 2026 entlassen.
Zwei Kultursenatoren innerhalb kurzer Zeit verschlissen – Berlin kann Kultur. Personalplanung offenbar weniger.
https://www.tagesspiegel.de/berlin/nach-ruge-des-berliner-rechnungshofs-kai-wegner-entlasst-kultursenatorin-sarah-wedl-wilson-15517435.html
5. Matthias Hundt: Der Digitalisierer im Expressverfahren
Besonders bemerkenswert ist der Fall Matthias Hundt.
Am 18. März 2026 wurde Hundt als Chief Digital Officer und Staatssekretär vorgestellt. Er sollte ausgerechnet die Digitalisierung und Verwaltungsmodernisierung Berlins voranbringen.
Nur wenige Wochen später berichteten rbb und MDR über Ermittlungen wegen des Verdachts auf Insolvenzstraftaten im Zusammenhang mit früheren unternehmerischen Tätigkeiten.
Hundt bestritt die Vorwürfe. Selbstverständlich gilt die Unschuldsvermutung.
Doch für den Senat begann die nächste Personalposse.
https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2026/05/berlin-digital-officer-matthias-hundt-entlassung-bitte-staatssekretaer-unternehmen.html
6. Hundt II: Rücktritt vom Rücktritt
Dann wurde es endgültig berlinisch.
Hundt bat zunächst um seine Entlassung – und nahm diese Bitte anschließend wieder zurück.
Das Ergebnis dieser bemerkenswerten Personalrochade: Am Ende wurde er dennoch entlassen.
Digitalisierung im Berliner Senat: Selbst beim Rücktritt braucht es offenbar mehrere Bearbeitungsschritte.
https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2026/05/berlin-digital-staatssekretaer-hundt-nimmt-entlassung-zurueck.html
7. 76 Tage im Amt – Ansprüche von mehr als 87.000 Euro
Die Geschichte bekam noch einen finanziellen Nachschlag.
Nach Recherchen des rbb war Hundt lediglich 76 Tage im Amt. Die Ansprüche aus Bezügen und Übergangsgeld summierten sich demnach auf mehr als 87.000 Euro.
Eine bemerkenswert kurze Amtszeit mit bemerkenswert nachhaltigen finanziellen Folgen.
https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2026/08/berlin-staatssekretaer-hundt-uebergangsgeld-entlassung.html
8. Kai Wegner: Am Ende trifft es den Chef
Im Juli 2026 erreichte die Personal- und Vertrauenskrise schließlich auch die Spitze.
Nach der Kontroverse über seine Angaben zum Krisenmanagement während des Berliner Stromausfalls verzichtete Kai Wegner auf die Spitzenkandidatur der CDU für die Abgeordnetenhauswahl 2026.
Der Regierende Bürgermeister blieb zwar bis zur Wahl im Amt – der politische Rückzug aus der Spitzenkandidatur war dennoch ein bemerkenswerter Vorgang.
https://www.tagesspiegel.de/berlin/berlin-ist-wichtiger-als-eine-person-kai-wegner-zieht-sich-als-cdu-spitzenkandidat-zuruck-15825960.html
9. visitBerlin: Drei Monate und wieder vorbei
Und Anfang September 2026 folgte der nächste bemerkenswerte Personalvorgang.
Jürgen Amann hatte erst zum 1. Juni 2026 die Geschäftsführung von visitBerlin übernommen. Bereits rund drei Monate später wurde die Zusammenarbeit wieder beendet.
Der Tagesspiegel sprach sogar von der „nächsten Fehlbesetzung des Senats“.
Nach 17 Jahren Kontinuität unter Burkhard Kieker wurde dessen Nachfolge damit zum touristischen Kurzaufenthalt.
https://www.tagesspiegel.de/berlin/nach-nur-drei-monaten-der-neue-visit-berlin-chef-jurgen-amann-muss-schon-wieder-gehen-16012856.html
Fazit: Dilettantenshow als Personaldesaster
Ein einzelner Rücktritt kann passieren. Auch zwei unglückliche Personalentscheidungen sind noch kein Beweis für strukturelles Versagen.
Doch irgendwann wird aus einer Reihe von Einzelfällen ein Muster.
Doktortitel weg. Senatorin weg.
Kultursenator weg. Nachfolgerin weg.
Digitalstaatssekretär eingestellt, Rücktritt angekündigt, Rücktritt zurückgenommen, schließlich doch entlassen.
Der Regierende Bürgermeister verzichtet auf die Spitzenkandidatur.
Und selbst bei visitBerlin hält eine zentrale Personalentscheidung gerade einmal drei Monate.
Das ist keine überzeugende Bilanz für einen Senat, der mit dem Anspruch angetreten ist, Berlin professioneller, verlässlicher und besser zu regieren.
„Das Beste für Berlin“ sollte anders aussehen.
Was bleibt, ist der Eindruck einer Dilettantenshow, die längst zu einem Personaldesaster geworden ist.
Bei der Abgeordnetenhauswahl am 20. September 2026 lohnt sich deshalb vielleicht ein Blick auf eine Alternative: