Von reinen Ausbauzielen zu wirksamer Infrastrukturpolitik
Die Debatte um Rechenzentren ist in Deutschland in eine neue Phase eingetreten: Es geht nicht mehr nur um „mehr Kapazität“, sondern um die Frage, welche Art von Kapazität an welchem Ort unter welchen Rahmenbedingungen entsteht. Das ist ein entscheidender Unterschied – gerade für Großstädte und Metropolräume, in denen Flächen, Stromnetz, Wasser, Wärmeinfrastruktur und gesellschaftliche Akzeptanz gleichzeitig knapp sind. (https://www.gtai.de/en/invest/industries/digital-economy/data-center)
Europaweit ist die Dynamik hoch. Reuters berichtete für 2025 über einen Rekord beim Kapazitäts-Rollout, zugleich aber über fortbestehende Knappheiten durch Nachfrage aus Cloud- und Anwendungen der Künstlichen Intelligenz (KI). Das unterstreicht ein strukturelles Problem: Ausbaupfade und Nachfragekurven laufen nicht synchron, besonders in den etablierten Hubs. (https://www.reuters.com/technology/europe-set-see-record-data-centre-capacity-roll-out-2025-cbre-says-2025-02-13/)
Deutschland steht dabei im Zentrum dieser Entwicklung. Frankfurt/Rhein-Main ist in der Colocation-Kapazität laut CBRE über die 1-Gigawatt-Marke gestiegen; gleichzeitig verschiebt sich zusätzlicher Druck in weitere Regionen. Neben Frankfurt und Berlin-Brandenburg werden München, Köln-Düsseldorf und Hamburg als zentrale Wachstumsräume benannt. (https://www.cbre.co.uk/press-releases/frankfurt-becomes-a-1gw-data-centre-market-narrowing-the-gap-with-london)
Für die Hauptstadtregion ist die Lage besonders aufschlussreich: Berlin weist nach Senatsangaben rund 146 Megawatt (MW) installierte Informationstechnologie-Leistung (IT-Leistung) aus, in Brandenburg sind zusätzlich Projekte mit rund 888 MW angekündigt. Damit wird sichtbar, wie stark die Entwicklung in Metropolregionen inzwischen als stadtregionales statt rein städtisches Thema gelesen werden muss. (https://www.berlin.de/sen/wirtschaft/digitalisierung/digitale-infrastruktur/rechenzentren-1566416.php)
Parallel steigen die Systemanforderungen: In der Bitkom/Borderstep-Studie 2025 wird ein weiteres Kapazitätswachstum dokumentiert, inklusive sehr niedriger Leerstandsquoten in zentralen Märkten. Und DE-CIX meldete für 2025 ein globales Datenverkehrsvolumen von 79 Exabyte (+16 % gegenüber 2024). Diese Kombination aus anhaltender Nachfrage und knappen physischen Ressourcen verstärkt den Bedarf an präziser Steuerung. (https://www.bitkom.org/sites/main/files/2025-11/bitkom-studie-rechenzentren-in-deutschland-2025.pdf)
Nationale Strategie: richtiger Rahmen, entscheidend ist die Operationalisierung
Die Nationale Rechenzentrumsstrategie des Bundesministeriums für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) ist politisch richtig verortet, weil sie das Thema als Querschnitt von Digital-, Energie-, Industrie- und Stadtentwicklungspolitik behandelt. Der Konsultationsprozess (unter anderem mit Online-Beteiligung im Zeitraum 21.08.–21.09.2025) zeigt, dass die Debatte in der Breite angekommen ist. (https://bmds.bund.de/themen/digitale-wirtschaft/nationale-rechenzentrumsstrategie)
Ebenso wichtig ist, dass aus Konsultation konkrete Instrumente werden: Das BMDS verweist auf umfangreiche Rückmeldungen (unter anderem 152 Eingänge) und die Fortführung des Prozesses. Das ist ein gutes Signal, reicht aber erst dann, wenn aus Leitbildern verbindliche Kriterien, Fristen und Monitoringpfade entstehen. (https://bmds.bund.de/themen/digitale-wirtschaft/nationale-rechenzentrumsstrategie/konsultationsprozess)
Genau an dieser Stelle setzen auch die beigefügten Unterlagen an: Sie argumentieren konsistent dafür, Rechenzentrumsentwicklung nicht eindimensional über MW zu steuern, sondern über Wirkung, Systemnutzen und Umsetzbarkeit. 1 Vermerk_RZ-Strategie_BMDS
Empfehlungen und Anforderungen für Großstädte und Metropolen
1) Von „MW-Zielen“ zu „Wirkungszielen“ umstellen
Für Metropolräume sollte ein bundesweit vergleichbares Zielsystem eingeführt werden, das über Anschlussleistung hinausgeht. Notwendig sind Kennzahlen zu lokaler Wertschöpfung, Netzdienlichkeit, Abwärmebeitrag, Wasserrobustheit, Flächeneffizienz und Resilienz. Die in den Berliner Unterlagen angelegte Perspektive „Wertschöpfung pro MW“ ist dafür ein tragfähiger Ordnungsrahmen. 1 Vermerk_RZ-Strategie_BMDS
Anforderung: Bund und Länder sollten ein gemeinsames Set aus Leistungskennzahlen (Key Performance Indicators, KPI) mit klaren Definitionen und einheitlicher Methodik verabschieden, damit „Rechenkapazität“ nicht je nach Kontext etwas anderes bedeutet (IT-Leistung, elektrische Anschlussleistung, Fläche, Auslastung). Ohne begriffliche Konsistenz drohen politisch schöne, aber operativ nicht belastbare Zielpfade.
2) Metropolräume über verbindliche Kriterien priorisieren
Die Standortsteuerung sollte in Ballungsräumen anhand verbindlicher, transparenter Kriterien erfolgen: Netzanschlussfähigkeit, Wärmesenkennähe, Wasserverfügbarkeit, Flächen- und Genehmigungsfähigkeit, städtische Integration sowie verkehrliche und digitale Anbindung. Ein solcher Kriterienkatalog ist in den vorliegenden Stellungnahmen bereits angelegt und sollte bundesweit standardisiert werden. 2 Übersendungsschreiben
Anforderung: Die Priorisierung darf nicht politisch ad hoc erfolgen, sondern muss regelbasiert sein. Das reduziert Investitionsrisiken, erleichtert kommunale Kommunikation und verhindert Zielkonflikte zwischen Wirtschaftsförderung, Klimazielen und Daseinsvorsorge.
3) Anschlussprozesse digitalisieren und entkoppeln
In allen Metropolräumen sollten Netzanschluss- und Genehmigungsprozesse stärker digital, stufenbasiert und fristengebunden organisiert werden. Die Unterlagen benennen diesen Hebel zu Recht als zentrale Voraussetzung, um Vorlaufzeiten zu senken und Planungsrisiken zu verringern. 3 Stellungnahmen final zur nat …
Dieser Punkt ist nicht theoretisch, sondern praktisch dringlich: Reuters berichtet über mehrjährige Verzögerungen bei Netzanschlüssen in Europa, die Investitionsentscheidungen unmittelbar beeinflussen. (https://www.reuters.com/sustainability/boards-policy-regulation/power-grid-delays-challenge-amazons-data-center-expansion-europe-2026-02-03/)
Anforderung: Notwendig sind standardisierte digitale Verfahrenspfade, verbindliche Fristen, frühzeitige Netz- und Flächenvorprüfungen sowie klare Eskalationsmechanismen bei Blockaden zwischen Vorhabenträgern, Netzbetreibern und Behörden.
4) Abwärme und Wärmewende systemisch zusammenführen
In dichten urbanen Räumen darf Abwärme nicht als spätes Add-on behandelt werden. Sie muss früh in die Standort- und Netzplanung integriert werden – inklusive Wärmepumpen, Speicher, Netzanschluss und tragfähiger Vertragsmodelle. Genau diese Systemlogik wird in den beigefügten Dokumenten gefordert.
Der regulatorische Rahmen spricht ebenfalls dafür: Das Energieeffizienzgesetz (EnEfG) adressiert Abwärmenutzung, Managementsysteme und Registerpflichten für Rechenzentren; parallel setzt das Wärmeplanungsgesetz für Großstädte enge Fristen (Wärmepläne bis 30.06.2026 bei mehr als 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern). (https://www.bfee-online.de/BfEE/DE/Effizienzpolitik/Energieeffizienzregister_Rechenzentren/energieeffizienzregister_rechenzentren_node.html)
Anforderung: Kommunale Wärmeplanung und Rechenzentrums-Standortplanung müssen prozessual gekoppelt werden (gemeinsame Datenräume, abgestimmte Zeitachsen, standardisierte Wirtschaftlichkeitsmodelle), sonst bleiben Abwärmepotenziale trotz politischer Zustimmung ungenutzt.
5) Investitionssicherheit mit Transparenz und Monitoring koppeln
Ein föderal abgestimmtes Monitoring ist zentral: Es sollte Umsetzungsstände, Hemmnisse, Korrekturpfade und Zielkonflikte regelmäßig sichtbar machen. Die Berliner Unterlagen benennen diesen Bedarf sehr klar.
Instrumente sind vorhanden, müssen aber zusammengeführt werden: Vorgaben der Europäischen Union (EU) zur Berichterstattung (EED/Delegierte Verordnung), nationale Registerlogik und strategisches Bund-Länder-Monitoring sollten operativ verzahnt werden, statt nebeneinander zu laufen. (https://eur-lex.europa.eu/eli/dir/2023/1791/oj/eng)
Anforderung: Ein verbindlicher Monitoring-Rhythmus (zum Beispiel halbjährlich), offene Kernindikatoren und ein transparenter Abweichungsmechanismus („Warum wurde ein Ziel verfehlt und welche Korrektur folgt?“) sind für Glaubwürdigkeit und Investitionsstabilität unverzichtbar.
Kritische Einordnung: Wo die Strategie scheitern kann, wenn sie nur konsensfähig bleibt
Die größte Gefahr liegt nicht im Mangel an Zielen, sondern im Mangel an Priorisierung. Wenn alles gleichzeitig maximiert werden soll – Ausbaugeschwindigkeit, Klimawirkung, Souveränität, Kosteneffizienz, Flächenschonung und Akzeptanz – entsteht politisch ein Vollständigkeitskatalog, aber kein handlungsfähiges Programm. Metropolen benötigen deshalb eine explizite Reihenfolge von Zielen und klar definierte Muss-, Soll- und Kann-Kriterien.
Ein zweiter kritischer Punkt ist die Raumwirkung: Der Markt konzentriert sich auf wenige Hotspots, weil dort Konnektivität, Nachfrage und Ökosysteme vorhanden sind. Das ist ökonomisch plausibel, kann aber regionalpolitisch Spannungen verschärfen. Die Strategie muss daher eine doppelte Logik schaffen: starke Metropolen als Wachstumsmotoren, ergänzt um realistische Entlastungs- und Ergänzungsräume mit belastbarer Infrastruktur. (https://www.gtai.de/en/invest/industries/digital-economy/data-center)
Drittens bleibt die Energieseite der Engpass. Hohe Nachfrage allein erzeugt noch keine Anschlussfähigkeit. Reuters-Meldungen zu Netzverzögerungen und Investitionsverschiebungen zeigen, dass ein „Build-first, connect-later“-Ansatz nicht mehr funktioniert. Wer Genehmigungen beschleunigt, ohne Netzrealität einzubeziehen, produziert neue Warteschlangen statt zusätzlicher digitaler Souveränität. (https://www.reuters.com/sustainability/boards-policy-regulation/power-grid-delays-challenge-amazons-data-center-expansion-europe-2026-02-03/)
Viertens braucht die Nachhaltigkeitsdebatte mehr Realismus: Power Usage Effectiveness (PUE), Water Usage Effectiveness (WUE), Energy Reuse Factor (ERF) und ähnliche Kennzahlen sind notwendig, aber nur in Kombination aussagekräftig. Ein einzelner „Top-Wert“ kann Zielkonflikte verdecken (zum Beispiel Energieeffizienz gegenüber Wasserverbrauch, Abwärmebereitstellung gegenüber lokaler Senkenverfügbarkeit). Genau deshalb ist der Wechsel zu Wirkungszielen in Metropolräumen so wichtig.
Berlin im deutschen Maßstab: wichtiges Fallbeispiel, aber kein Sonderfall
Berlin-Brandenburg ist ein besonders sichtbares Beispiel für die deutsche Gesamtfrage: hohe Nachfrage, starke Wachstumsdynamik, gleichzeitig ausgeprägte Anforderungen an Flächen-, Wärme- und Netzintegration. In diesem Sinne ist Berlin kein Sonderfall, sondern ein verdichteter Prototyp für viele urbane Räume. (https://www.berlin.de/sen/wirtschaft/digitalisierung/digitale-infrastruktur/rechenzentren-1566416.php)
Der Mehrwert einer nationalen Strategie zeigt sich daher nicht darin, einzelne Regionen „zu gewinnen“ oder „zu verlieren“, sondern darin, einheitliche Spielregeln für unterschiedliche urbane Ausgangslagen zu schaffen: Frankfurt mit ausgeprägter Markttiefe, Berlin-Brandenburg mit starkem Expansionskorridor, dazu München, Hamburg und Köln-Düsseldorf mit jeweils eigenem Infrastrukturprofil. (https://www.gtai.de/en/invest/industries/digital-economy/data-center)
Fazit
Die nächste Entwicklungsstufe der deutschen Rechenzentrumsstrategie sollte lauten: weniger Symbolik, mehr Steuerungsfähigkeit. Ausbau bleibt notwendig – aber in Metropolen muss Ausbau künftig an Wirkung gekoppelt werden. Der praktikable Weg ist klar: einheitliche Wirkungskennzahlen, verbindliche Standortkriterien, digitalisierte Anschluss- und Genehmigungsprozesse, systemische Abwärmeintegration und transparentes Monitoring mit Bund-Länder-Verbindlichkeit.
Genau dann wird aus dem Zielbild „starker Rechenzentrumsstandort Deutschland“ ein belastbarer Umsetzungsrahmen für Großstädte und Metropolregionen.
Internetquellenverzeichnis (Klartext-Links)
https://bmds.bund.de/themen/digitale-wirtschaft/nationale-rechenzentrumsstrategie
https://bmds.bund.de/aktuelles/pressemitteilungen/detail/start-fuer-die-nationale-rechenzentrumsstrategie
https://bmds.bund.de/themen/digitale-wirtschaft/nationale-rechenzentrumsstrategie/konsultationsprozess
https://bmds.bund.de/aktuelles/aktuelle-meldungen/detail/konsultation-zum-deutschland-stack-geht-in-zweite-runde
https://www.berlin.de/sen/wirtschaft/digitalisierung/digitale-infrastruktur/rechenzentren-1566416.php
https://www.bitkom.org/Bitkom/Publikationen/Studie-Rechenzentren-in-Deutschland
https://www.bitkom.org/sites/main/files/2025-11/bitkom-studie-rechenzentren-in-deutschland-2025.pdf
https://www.cbre.co.uk/press-releases/frankfurt-becomes-a-1gw-data-centre-market-narrowing-the-gap-with-london
https://www.reuters.com/technology/europe-set-see-record-data-centre-capacity-roll-out-2025-cbre-says-2025-02-13/
https://www.reuters.com/technology/european-data-centre-space-shortage-expected-2025-ai-booms-2025-02-05/
https://www.reuters.com/sustainability/boards-policy-regulation/power-grid-delays-challenge-amazons-data-center-expansion-europe-2026-02-03/
https://www.reuters.com/business/retail-consumer/amazon-launches-new-europe-based-cloud-service-address-user-concerns-2026-01-15/
https://www.de-cix.net/en/about-de-cix/media/press-releases/de-cix-global-data-traffic-volume-hits-record-breaking-79-exabytes-at-internet-exchanges-in-2025
https://www.gtai.de/en/invest/industries/digital-economy/data-center
https://eur-lex.europa.eu/eli/dir/2023/1791/oj/eng
https://eur-lex.europa.eu/eli/reg_del/2024/1364/oj/eng
https://www.bfee-online.de/BfEE/DE/Effizienzpolitik/Energieeffizienzregister_Rechenzentren/energieeffizienzregister_rechenzentren_node.html
https://www.bafa.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/Bundesamt/20240703_bfee_rzreg_start_dateneingabe.html
https://www.bmwsb.bund.de/DE/stadtentwicklung/klimagerechte-stadtentwicklung/kommunale-waermeplanung/kommunale-waermeplanung_node.html
https://www.bmwsb.bund.de/SharedDocs/gesetzgebungsverfahren/DE/kommunale-waermeplanung.html