Wenn die Netze dunkel werden – Der Berliner Blackout als Weckruf für Deutschlands Krisenkommunikation

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Der Stromausfall im Südwesten – Realitätstest für eine digitale Hauptstadt

Der großflächige Stromausfall Anfang Januar 2026 in den Berliner Ortsteilen Nikolassee, Zehlendorf, Lichterfelde und Wannsee hat über 45.000 Haushalte betroffen – teils über mehrere Tage. Es war kein theoretisches Katastrophenszenario, sondern ein Realitätstest: Wie krisenfest ist eine Millionenstadt, wenn Strom, Mobilfunk und Internet gleichzeitig versagen?

Im Beitrag der rbb-Abendschau vom 7. Januar 2026 beschreibt der Regierende Bürgermeister Kai Wegner die Lage offen als „ernst und herausfordernd“ und bedankt sich bei Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und vielen freiwilligen Helferinnen und Helfern. Zugleich fordert er Konsequenzen:
„Wir müssen aus diesem Stromausfall lernen. Gerade der Mobilfunk muss künftig auch bei Stromausfällen stabil bleiben – das geht technisch, und das müssen wir jetzt machen.“

Diese Aussage markiert die politische Kernbotschaft der Woche: Resiliente Telekommunikation ist kein Luxus, sondern Teil der öffentlichen Sicherheit.


Was im BNetzA-Strategiepapier längst steht – und noch immer nicht umgesetzt ist

Bereits im Jahr 2022 hat die Bundesnetzagentur im Strategiepapier „Resilienz der Telekommunikationsnetze“ klargemacht, dass Stromausfälle die Funktionstüchtigkeit der Netze „in der Regel sofort“ treffen. Freiwillige Notstromlösungen der Netzbetreiber seien hilfreich, aber nur bei kleinräumigen Ereignissen wirksam. Für großflächige Lagen brauche es einheitliche und verpflichtende Standards.

Das Strategiepapier skizziert ein sogenanntes Basisdiensteangebot – also eine Grundversorgung für Notruf, Warnmeldungen (Cell Broadcast) und Basiskommunikation. Diese sollte auch bei längeren Stromausfällen verfügbar sein. Nicht jede Basisstation müsse mit Notstrom ausgestattet werden, aber ein Teil der Standorte müsse so ausgerüstet sein, dass sich die Bevölkerung über ein „Basisnetz“ in Funkzellen einbuchen kann.

Die BNetzA nennt außerdem technische Optionen wie die zeitweise Erhöhung der Sendeleistung oder die Beschränkung auf Low-Band-Frequenzen (700–900 MHz), die eine größere Reichweite bei geringerem Energieverbrauch bieten. Damit liegt seit Jahren ein konkreter Maßnahmenkatalog vor – nur wurde er bislang kaum umgesetzt.

Genau hier beginnt die Verantwortung der Bundesnetzagentur in ihrer Doppelrolle: nicht nur als Autorin eines Strategiepapieres, sondern als Regulierungs- und Aufsichtsbehörde. Wenn ein Risiko als systemisch erkannt ist und die Grundversorgung der Bevölkerung betrifft, braucht es aus der Strategie heraus einen verbindlichen Umsetzungsrahmen: messbare Mindestanforderungen, Nachweispflichten, Prüf- und Sanktionsmöglichkeiten sowie klare Fristen. Ein „Dialog mit der Branche“ kann das vorbereiten, aber er darf die Verbindlichkeit nicht ersetzen.


Der Berliner Ausnahmezustand – Wenn Warnung und Wirklichkeit auseinanderfallen

Wie wichtig ein solches Basisnetz wäre, zeigte der Blackout in Berlin besonders deutlich. Im rbb-Beitrag wird berichtet, dass viele Menschen Warnmeldungen überhaupt nicht erhielten, weil das Mobilfunknetz ausgefallen war. Auch Notrufe konnten teilweise nicht abgesetzt werden, und Cell Broadcast funktionierte nur in den Bereichen, in denen sich Endgeräte noch in Funkzellen einbuchen konnten.

Kai Wegner betonte im Interview, dass die Stadt künftig besser vorbereitet sein müsse:
„Die Berliner Feuerwehr hat schnell reagiert – mit Lautsprecherwagen und sogenannten Leuchttürmen, wo Menschen ihr Handy laden und Informationen bekommen konnten. Aber wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen beim nächsten Mal wissen, wo diese Anlaufstellen sind.“

Diese Leuchttürme sind feste Treffpunkte, an denen Strom zum Laden, Informationen und einfache Hilfen bereitgestellt werden. Viele Berlinerinnen und Berliner wussten jedoch nicht, wo sie sich befinden. Das zeigt, dass Krisenvorsorge Kommunikation braucht – nicht erst in der Krise, sondern im Alltag.


Leuchttürme allein reichen nicht – Mobilfunk ist das Rückgrat der Krisenkommunikation

Analoge Maßnahmen wie Lautsprecherwagen, Infozettel oder Treffpunkte sind unverzichtbar, aber sie können digitale Netze nicht ersetzen. Im rbb-Interview wird deutlich, dass die Stadt auch künftig auf ergänzende Wege angewiesen ist, um besonders gefährdete Gruppen zu erreichen – etwa ältere Menschen oder Personen, die ihre Wohnungen nicht verlassen können.

Kai Wegner bringt es auf den Punkt: Digitale Redundanz ist kein Selbstzweck, sondern Lebensnotwendigkeit. Wenn Mobilfunk ausfällt, verlieren Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeit, Hilfe zu rufen oder Informationen zu empfangen. Die BNetzA hat in ihrem Strategiepapier bereits festgehalten, dass Georedundanz nicht nur Netzknoten, sondern auch die Verbindung zum Endkunden umfassen muss – also genau das, was in Berlin nicht funktionierte.


Politische Verantwortung – Von Freiwilligkeit zu Pflicht, mit klarer Rolle der BNetzA und einem starken TKG

Der Berliner Blackout hat gezeigt, dass Empfehlungen nicht reichen. Es braucht verbindliche Mindeststandards, damit Telekommunikationsnetze auch im Ausnahmezustand funktionsfähig bleiben. Dazu gehören:

  • Einheitliche Mindestanforderungen an notstromfähige Basisstationen, bundesweit definiert und überprüfbar.
  • Krisenbetriebsmodi, die technisch vorbereitet sind – mit Priorisierung von Notruf, Warnmeldungen und Telefonie sowie der Möglichkeit, Bandbreiten zu begrenzen, um Reichweite zu sichern.
  • Notfall-Roaming, damit sich Handys in ein anderes Netz einbuchen können, wenn der eigene Anbieter ausfällt.
  • Pflicht zu Transparenz und Übungen, damit Betreiber regelmäßig nachweisen, wie lange ihre kritischen Standorte ohne externe Stromversorgung durchhalten.

Damit das nicht bei wohlklingenden Zielbildern bleibt, muss die Bundesnetzagentur diese Elemente in ihrer Aufsichtspraxis konkretisieren und durchsetzen können. Das ist der Punkt, an dem eine Anpassung des Telekommunikationsgesetzes notwendig wird. Das TKG sollte ausdrücklich und unmissverständlich die Grundlage schaffen, um ein Basisdiensteangebot im Krisenfall als Mindestniveau zu definieren, einschließlich der Befugnis der BNetzA, dafür technische Mindeststandards festzulegen, Nachweise einzufordern und Fristen zu setzen.

Ebenso braucht es im TKG einen klar beschriebenen „Krisenmodus“ für Netze: rechtssicher, zeitlich begrenzt und auf den Bevölkerungsschutz fokussiert. Dazu zählen priorisierte Dienste, energieeffiziente Betriebsarten (zum Beispiel Low-Band-Betrieb), sowie – wo nötig – die Möglichkeit, notfallbezogene Kooperationen zwischen Betreibern anzuordnen, insbesondere beim Notfall-Roaming. Wichtig ist dabei: nicht mehr Regulierung um ihrer selbst willen, sondern Regulierung mit einem klaren, messbaren Schutzversprechen an die Bevölkerung.


Verantwortung in Berlin – Feuerwehr, Bezirke und Netzbetreiber gemeinsam

Die Berliner Feuerwehr hat im Januar eindrucksvoll bewiesen, dass sie handlungsfähig ist. Leuchttürme, mobile Notrufstellen und Lautsprecherwagen funktionierten – aber sie waren auf sich gestellt. Jetzt geht es darum, diese Strukturen fest zu verankern und besser zu vernetzen.

Leuchttürme müssen vorher bekannt sein, auf Karten, in Apps und an Hauseingängen. Übungen zum Verhalten im Stromausfall sollten jährlich stattfinden – gemeinsam mit Bezirken, Nachbarschaftsinitiativen und Netzbetreibern. Nur wenn analoge und digitale Vorsorge ineinandergreifen, entsteht echte Resilienz.


Fazit – Der Weckruf aus Steglizu- Zehlendorf

Der Stromausfall von 2026 ist kein lokales Problem, sondern ein Symbol für die Verwundbarkeit moderner Städte. Die Bundesnetzagentur hat das Problem erkannt, die Politik muss es jetzt lösen – und sie muss der BNetzA dafür die passenden Werkzeuge und Pflichten an die Hand geben.

Kai Wegner formulierte es im rbb-Interview unmissverständlich:
„Wir müssen dafür sorgen, dass der Mobilfunk auch bei Stromausfällen stabil bleibt – das geht, und das müssen wir jetzt machen.“

Das ist keine rein technische, sondern eine politische Aufgabe. Der Schutz kritischer Infrastruktur muss als gemeinsame Verantwortung von Bund, Ländern, BNetzA, Netzbetreibern und Kommunen verstanden werden. Berlin hat in dieser Krise gezeigt, dass es improvisieren kann. Jetzt muss Deutschland beweisen, dass es auch vorbereiten kann – mit verbindlichen Standards, einem modernisierten TKG und einer Aufsicht, die Resilienz nicht nur beschreibt, sondern durchsetzt.

2 thoughts on “Wenn die Netze dunkel werden – Der Berliner Blackout als Weckruf für Deutschlands Krisenkommunikation

  1. „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“, diese Weisheit von Sepp Herbergers ist in Berlin zurzeit aktuell. Denn hier präsentierten und präsentieren sich Senat, Senatorinnen, der Regierende Bürgermeister und leider auch alle beteiligten Unternehmen gegenüber den Betroffenen mit einer völlig unzureichenden Krisenkommunikation und einem unkoordiniertem Krisenmanagement.
    Dabei hatten alle im September 2025 eine (fast) gelungene Generalprobe. Ein terroristischer Anschlag auf zwei Strommasten im Berliner Südosten unterbrach den Strom für vier Tage in zigtausend Haushalten. Damals war es warm und trocken, diesmal war es eiskalt und gefroren. So war auch das gesamte Krisenmanagement und die Krisenkommunikation der Beteilgten.
    Eine ‘Lessons Learned Session‘ aller Beteiligten nach der Lage im September 2025, die Implementierung und Umsetzung erster Learnings daraus, hätte sicherlich dazu geführt, dass die Strommangellage diesmal im Südwesten Berlins kommunikativ viel besser gelaufen wäre.
    Stattdessen hat scheinbar diesmal jeder und jede der damals wie heute Beteiligten seins gemacht, manche leider auch gar nichts. Alle gingen über zum Business as Usual – bis zum letzten Sonnabend, als die Kabel diesmal über dem Teltowkanal einem Anschlag nicht trotzen konnten. Chance vertan, werte Damen und Herren. Der Regierende ging dann erstmal Tennis spielen, weil er nach zwei Stunden, „eingeschlossen in seiner Wohnung ohne die Füße hochgelegt zu haben“, erstmal „den Kopf freikriegen musste“.

  2. Interessanter Beitrag:

    Mobilfunk-Stromversorgung auf dem Prüfstand
    Ohne Elektrizität keine Telekommunikation. Wie ein Blackout in den Mobilfunk, ins Festnetz und sogar in die Notruf- und Warndienste kaskadieren kann, hat der Sabotage-Fall in Berlin gezeigt. Experten fordern eine gründliche Schwachstellenanalyse und Konsequenzen.
    https://background.tagesspiegel.de/energie-und-klima/briefing/mobilfunk-stromversorgung-auf-dem-pruefstand?utm_source=bg+website&utm_medium=email&utm_campaign=share&utm_content=ek

    Aber die Betrachtung muss über die Notstromversorgung hinaus gehen!

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