Wie BerliKomm als City-Carrier startete, im Hype überdehnt wurde und schließlich als Sanierungsfall, Parlamentsthema und Verkaufsobjekt endete
Vorspann
BerliKomm war Ende der 1990er-Jahre genau die Art von Projekt, die zu Berlin zu passen schien: groß gedacht, infrastrukturell unterfüttert, politisch anschlussfähig und mit dem Anspruch aufgeladen, der Hauptstadt endlich einen eigenen starken Telekommunikationsanbieter zu geben. BerliKomm sollte zeigen, dass Berlin nicht nur Netze nutzt, sondern selbst Netzakteur sein kann. Wenige Jahre später war aus dieser Verheißung ein Krisenfall geworden – mit hohen Verlusten, negativen Beteiligungswerten, Bürgschaftsdebatten im Abgeordnetenhaus und schließlich dem Verkauf an Versatel. Eine zentrale Überblicksquelle dazu ist die Mitteilung der Berliner Wasserbetriebe zur Übernahme durch Versatel: https://www.bwb.de/de/pressemitteilungen-2000-2004_4367.php
BerliKomm beginnt als Berliner Zukunftsversprechen
Die Geschichte von BerliKomm beginnt 1997. Das Unternehmen wurde innerhalb der Berlinwasser-Gruppe aufgebaut und sollte als alternativer Telekommunikationsanbieter für Berlin auftreten. Die Logik dahinter war auf den ersten Blick überzeugend: Wer als stadtnahes Unternehmen über Infrastrukturbezug, Trassen und technische Nähe verfügt, müsste doch einen Vorteil beim Aufbau eines regionalen Netzes haben. BerliKomm stand damit nicht nur für ein Geschäftsmodell, sondern auch für ein politisches Versprechen: Berlin wollte in der liberalisierten Telekommunikation nicht Zuschauer bleiben, sondern als eigener Akteur sichtbar werden. Dass BerliKomm im Beteiligungsbericht des Landes überhaupt als relevante Beteiligung auftauchte, zeigt, wie eng wirtschaftliche und politische Erwartung damals miteinander verknüpft waren. Vgl. Abgeordnetenhaus Berlin, Drucksache 15/1433: https://pardok.parlament-berlin.de/starweb/adis/citat/VT/15/DruckSachen/d15-1433.pdf
Der Hype um BerliKomm: Hauptstadtflair, Wettbewerb, Aufbruch
Dann kam die Phase, in der BerliKomm mehr war als nur ein Unternehmen: BerliKomm wurde zur Berliner Erzählung. Der Name stand plötzlich für Wettbewerb gegen die Telekom, für lokale Stärke und für die Hoffnung, dass sich in Berlin ein eigener City-Carrier etablieren könnte. Die frühen Berichte transportieren genau diese Stimmung. Es ging um Wachstum, um ein regionales Telefonnetz, um neue Kundinnen und Kunden und um die Vorstellung, dass BerliKomm in einer Stadt wie Berlin fast zwangsläufig groß werden müsse. Der damalige Markt sprach die Sprache des Aufbruchs – und BerliKomm sprach sie besonders laut. Eine wichtige Rückschau dazu bietet der Tagesspiegel unter: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/das-berliner-stadtnetz-liegt-brach-1141306.html
BerliKomm wächst – aber BerliKomm liefert nicht im gleichen Tempo
Genau an diesem Punkt beginnt das Trauerspiel von BerliKomm. Denn BerliKomm hatte früh eine starke Geschichte, aber offenbar keine gleich starke Organisation. Rückblickend ist das einer der zentralen Punkte des Falls: BerliKomm gewann Aufmerksamkeit, erzeugte Nachfrage und stand öffentlich für Dynamik, doch intern fehlte es an der operativen Robustheit, um dieses Wachstum sauber zu tragen. Der Tagesspiegel beschrieb später, dass viele Aufträge aus den großen Kampagnen unbearbeitet liegen geblieben seien, weil die nötigen Abwicklungsstrukturen nicht mitgewachsen waren. Aus Sicht eines Infrastrukturunternehmens ist das fatal: Ein Netzbetreiber kann von Aufmerksamkeit profitieren, aber er scheitert, wenn Prozesse, Kundenservice und Anschlussmanagement dem eigenen Versprechen hinterherlaufen. Nachzulesen unter: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/das-berliner-stadtnetz-liegt-brach-1141306.html
BerliKomm wurde vom City-Carrier zur Dauerbaustelle
Zu den operativen Problemen kam bei BerliKomm ein zweites, fast noch schwerer wiegendes Problem: strategische Unruhe. In der Rückschau wirkt BerliKomm nicht wie ein Unternehmen, das mit langem Atem ein regionales Netz aufbaut, sondern wie ein Unternehmen, das sich unter hohem Erwartungsdruck immer wieder neu sortieren musste. Gerade in einem kapitalintensiven Telekommunikationsgeschäft ist das gefährlich. Netze brauchen keine Nervosität, sondern Beharrlichkeit. Wenn aber Führung, Marktansprache und Unternehmensausrichtung zu häufig wechseln, wird aus einem ehrgeizigen Carrier schnell eine Dauerbaustelle. Genau dieses Bild hat sich bei BerliKomm im Lauf der Jahre verfestigt. Auch hierzu ist der Tagesspiegel-Beitrag einschlägig: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/das-berliner-stadtnetz-liegt-brach-1141306.html
BerliKomm fand einen Markt – aber nicht die nötige Größe
Das eigentlich Bittere an BerliKomm ist, dass das Unternehmen nie völlig substanzlos war. BerliKomm hatte ein regionales Netz, reale Kundinnen und Kunden und am Ende sogar Zahlen, die für sich genommen beachtlich wirkten. Nach Angaben der Berliner Wasserbetriebe kam BerliKomm 2003 auf 51 Millionen Euro Umsatz, rund 35.000 Kunden, 185 Beschäftigte und mehr als 70 WLAN-Hotspots in Berlin. Das Problem war also nicht, dass BerliKomm nichts hatte. Das Problem war, dass BerliKomm trotz all dessen nicht groß genug wurde, um die eigene Kapitalintensität dauerhaft wirtschaftlich zu tragen. Anders gesagt: BerliKomm hatte Substanz, aber keine ausreichende Marktdurchdringung. Quelle: Berliner Wasserbetriebe / Berlinwasser, https://www.bwb.de/de/pressemitteilungen-2000-2004_4367.php
BerliKomm kippt wirtschaftlich – und wird zum Beteiligungsproblem
Spätestens zu Beginn der 2000er-Jahre wurde aus BerliKomm ein ökonomischer Problemfall. Heise berichtete bereits 2001 über eine Wertberichtigung von 209 Millionen Mark für das Jahr 2000 sowie über Anlaufverluste von 43 Millionen Mark. Im Beteiligungsbericht des Landes Berlin für das Geschäftsjahr 2001 erscheint BerliKomm dann mit einem negativen Eigenkapital beziehungsweise Nennkapital von minus 31,630 Millionen Euro. Damit war klar: BerliKomm war nicht mehr bloß ein hoffnungsvolles Tochterunternehmen, sondern ein belasteter Posten in der Beteiligungslandschaft. Der Glanz des Projekts wich der haushalts- und eigentümerseitigen Frage, wie lange und zu welchem Preis BerliKomm noch zu halten sei. Siehe heise online: https://www.heise.de/news/Berlikomm-kann-teuer-fuer-den-Berliner-Senat-werden-44632.html sowie Abgeordnetenhaus Berlin, Drucksache 15/1433: https://pardok.parlament-berlin.de/starweb/adis/citat/VT/15/DruckSachen/d15-1433.pdf
BerliKomm rutscht ins Abgeordnetenhaus
Der vielleicht entscheidende Wendepunkt in der Geschichte von BerliKomm liegt deshalb nicht in einer Technikentscheidung, sondern in der politischen Arena. Im Plenarprotokoll des Abgeordnetenhauses vom 30. Mai 2002 wird BerliKomm ausdrücklich als „hochverschuldete und defizitäre“ Telekommunikationstochter bezeichnet; zugleich wird dort eine Bürgschaft des Landes Berlin in Höhe von 198 Millionen Dollar für BerliKomm thematisiert. Das ist der Moment, in dem BerliKomm endgültig vom Wirtschaftsprojekt zum Politikum wird. Von da an ging es nicht mehr nur um Marktanteile und Wachstum, sondern um Risikoverlagerung, Beteiligungssteuerung und die Frage, ob das Land Berlin ein fehlgelaufenes Telekommunikationsprojekt noch absichern sollte. Vgl. Abgeordnetenhaus Berlin, Plenarprotokoll 15/12 vom 30.05.2002: https://pardok.parlament-berlin.de/starweb/adis/citat/VT/15/PlenarPr/p15-012-wp.pdf
Das Ende von BerliKomm: Entschuldung, Verkauf, Abgang
2004 war die Geschichte von BerliKomm im Kern entschieden. Der Tagesspiegel berichtete von rund 320 Millionen Euro Schulden seit Gründung und davon, dass zuletzt noch 150 Millionen Euro durch die Eigner der Muttergesellschaft abgelöst werden mussten, um BerliKomm überhaupt veräußern zu können. Kurz darauf bestätigten Berlinwasser, Heise und weitere Fachmedien den Verkauf von BerliKomm an Versatel für 34,6 Millionen Euro. In der Mitteilung der Berliner Wasserbetriebe wurde das als Perspektive für Arbeitsplätze und Entwicklung dargestellt. Tatsächlich markierte der Deal vor allem das Ende der eigenständigen Berliner Erzählung BerliKomm. Nicht BerliKomm selbst setzte die Vision fort, sondern ein externer Käufer übernahm Netz, Kundenbasis und Teile der Infrastruktur. Siehe hierzu:
Tagesspiegel: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/berlikomm-ist-verkauft-1140904.html
Tagesspiegel: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/wasserbetriebe-verkaufen-die-berlikomm-1127584.html
Berliner Wasserbetriebe / Berlinwasser: https://www.bwb.de/de/pressemitteilungen-2000-2004_4367.php
BerliKomm war nicht wertlos – genau das macht das Scheitern so aufschlussreich
Gerade darin liegt die eigentliche Ironie des Falls BerliKomm. BerliKomm war nie bloß eine Luftnummer. Das Unternehmen verfügte über ein regionales Netz, Umsätze, Beschäftigte und einen Käufer, der darin klar einen Wert erkannte. Das Scheitern von BerliKomm ist deshalb nicht die Geschichte eines vollkommen irrealen Projekts. Es ist die Geschichte eines Projekts, das real genug war, um teuer zu werden, aber nicht stabil genug, um eigenständig erfolgreich zu bleiben. BerliKomm scheiterte nicht an der bloßen Abwesenheit von Infrastruktur, sondern daran, dass die Infrastruktur unter Berliner Regie nicht in ein tragfähiges Geschäftsmodell übersetzt wurde. Vgl. Berliner Wasserbetriebe / Berlinwasser: https://www.bwb.de/de/pressemitteilungen-2000-2004_4367.php
Was vom Fall BerliKomm bleibt
Heute wirkt BerliKomm wie ein eingefrorener Moment der Berliner Dotcom- und Infrastruktur-Euphorie. Der Name BerliKomm steht rückblickend für die typische Versuchung solcher Boomzeiten: Eine gute Idee wird von politischer Symbolik, Marktoptimismus und Standortstolz so stark aufgeladen, dass die operative Realität kaum noch mithalten kann. Genau das macht BerliKomm bis heute interessant. Der Fall zeigt, wie aus einem öffentlich aufgeladenen Zukunftsprojekt schrittweise ein Sanierungsfall wird – nicht in einem einzigen Knall, sondern in vielen Etappen: über Verluste, negative Beteiligungswerte, Bürgschaftsdebatten, Entschuldung und schließlich Verkauf. BerliKomm ist deshalb weniger eine alte Telekommunikationsgeschichte als ein Berliner Lehrstück darüber, dass Visionen nur dann tragen, wenn Organisation, Markt und Finanzierung tragfähig genug sind, um den eigenen Namen auch wirklich einzulösen. Grundlagen dazu finden sich insbesondere unter:
https://www.bwb.de/de/pressemitteilungen-2000-2004_4367.php
https://www.heise.de/news/Berlikomm-kann-teuer-fuer-den-Berliner-Senat-werden-44632.html
https://pardok.parlament-berlin.de/starweb/adis/citat/VT/15/DruckSachen/d15-1433.pdf
https://pardok.parlament-berlin.de/starweb/adis/citat/VT/15/PlenarPr/p15-012-wp.pdf
Schlussbild
Am Ende bleibt BerliKomm wie ein hell beleuchtetes Schaufenster aus der Berliner Netz-Zukunft, hinter dessen Glas die Statik schon früh zu reißen begann. Vorn stand der Name BerliKomm für Aufbruch, Wettbewerb und Hauptstadtmoderne. Dahinter wuchsen Verluste, Schulden und politische Rechtfertigungszwänge. Das Licht ging nicht mit einem Schlag aus. Bei BerliKomm wurde es langsam dunkler – Bilanz für Bilanz, Debatte für Debatte, bis vom großen Berliner City-Carrier nur noch ein Verkaufspreis, ein paar harte Zahlen und ein lehrreiches Scheitern übrig blieben. Für die Schlussphase besonders relevant sind:
https://www.bwb.de/de/pressemitteilungen-2000-2004_4367.php
https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/berlikomm-ist-verkauft-1140904.html
https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/wasserbetriebe-verkaufen-die-berlikomm-1127584.html
Quellen
Berliner Wasserbetriebe / Berlinwasser:
https://www.bwb.de/de/pressemitteilungen-2000-2004_4367.php
Abgeordnetenhaus Berlin, Drucksache 15/1433:
https://pardok.parlament-berlin.de/starweb/adis/citat/VT/15/DruckSachen/d15-1433.pdf
Abgeordnetenhaus Berlin, Plenarprotokoll 15/12 vom 30.05.2002:
https://pardok.parlament-berlin.de/starweb/adis/citat/VT/15/PlenarPr/p15-012-wp.pdf
Abgeordnetenhaus Berlin, Plenarprotokoll 15/54 vom 26.08.2004:
https://pardok.parlament-berlin.de/starweb/adis/citat/VT/15/PlenarPr/p15-054-wp.pdf
heise online:
https://www.heise.de/news/Berlikomm-kann-teuer-fuer-den-Berliner-Senat-werden-44632.html
Tagesspiegel – „Das Berliner Stadtnetz liegt brach“:
https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/das-berliner-stadtnetz-liegt-brach-1141306.html
Tagesspiegel – „Wasserbetriebe verkaufen die Berlikomm“:
https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/wasserbetriebe-verkaufen-die-berlikomm-1127584.html
Tagesspiegel – „Berlikomm ist verkauft“:
https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/berlikomm-ist-verkauft-1140904.html