Glasfaser in Berlin: Schlüssel zur Energieeinsparung und Dekarbonisierung


Abstract

Der Ausbau leistungsfähiger digitaler Infrastrukturen ist nicht nur eine Voraussetzung für wirtschaftliches Wachstum und gesellschaftliche Teilhabe – er ist auch ein wichtiger Hebel für den Klimaschutz. Die Stadt Berlin steht im Zentrum dieser Entwicklung. Mit der landeseigenen Gigabitstrategie verfolgt sie das Ziel, bis 2028 eine flächendeckende Glasfaserversorgung zu erreichen. Was dabei oft übersehen wird: Glasfaseranschlüsse sind nicht nur schneller und stabiler – sie verbrauchen auch signifikant weniger Energie als herkömmliche Technologien wie VDSL oder Kabelnetze (HFC). Eine Modellrechnung zeigt, welches Potenzial zur Energieeinsparung und Dekarbonisierung allein im Berliner Breitbandnetz steckt.


Basisdaten: Haushalte, Betriebsstätten und Technologiemix

Für die Modellrechnung wurde der aktuelle Stand der Berliner Breitbandinfrastruktur herangezogen. Die Zahl der Anschlussstellen ergibt sich aus der Kombination privater Haushalte und gewerblicher Betriebsstätten:

  • Privathaushalte: 2.169.172 (Quelle: Amt für Statistik Berlin-Brandenburg, Stichtag 31.12.2022)
  • Betriebsstätten: geschätzt rund 200.000 (basierend auf Gewerbeanmeldungen und Wirtschaftsstrukturdaten)
  • Gesamtanschlusspunkte: ca. 2,37 Millionen

Da es keine flächendeckenden Erhebungen zur tatsächlichen Breitbandnutzung nach Technologien auf Berliner Ebene gibt, wird für die aktuelle Verteilung auf folgende, bundesweit plausible Werte zurückgegriffen – abgeleitet aus Studien, Marktberichten und der typischen Verfügbarkeit in Metropolregionen:

  • HFC (Hybrid Fiber Coaxial / Kabelnetz): ca. 50 % der Anschlüsse
  • VDSL (Very High Speed DSL / Kupferleitung): ca. 35 % der Anschlüsse
  • FTTH (Fiber to the Home / Glasfaser): ca. 15 % der Anschlüsse

Die Stromaufnahme pro aktivem Anschluss schwankt je nach Technologie deutlich. Laut einer Untersuchung von EY und der Deutschen Telekom (Studie ansehen) verbraucht ein HFC-Anschluss im Durchschnitt etwa 6,4 Watt, ein VDSL-Anschluss 4,0 Watt und ein FTTH-Anschluss nur etwa 2,3 Watt.


Energieverbrauch der heutigen Infrastruktur

Berechnet man den Strombedarf auf Basis der geschätzten Aufteilung ergibt sich folgende jährliche Belastung:

  • HFC (50 % = 1.184.586 Anschlüsse):
    1.184.586 × 6,4 W × 8.760 h = ca. 66,4 GWh/Jahr
  • VDSL (35 % = 829.210 Anschlüsse):
    829.210 × 4,0 W × 8.760 h = ca. 29,0 GWh/Jahr
  • FTTH (15 % = 355.379 Anschlüsse):
    355.379 × 2,3 W × 8.760 h = ca. 7,2 GWh/Jahr

➔ Gesamtstromverbrauch der aktuellen Netzinfrastruktur in Berlin: rund 102,6 GWh pro Jahr


Szenario: Volle Umstellung auf Glasfaser (FTTH)

Ein vollständiger Glasfaserausbau würde bedeuten, dass alle ca. 2,37 Mio. Anschlusspunkte auf die energieeffizienteste Technologie umgestellt würden:

  • 2.369.172 Anschlüsse × 2,3 Watt × 8.760 h = ca. 47,7 GWh/Jahr

➔ Potenzielle Energieeinsparung:
102,6 GWh – 47,7 GWh = 54,9 GWh pro Jahr
Das entspricht einer Reduktion um rund 53,5 % – und damit einem massiven Einsparpotenzial.


Was bedeutet das in der Praxis? Zwei plastische Vergleiche

Um die Größenordnung dieser Einsparung greifbarer zu machen, zwei anschauliche Vergleiche:

  1. Strom für Haushalte:
    Mit den eingesparten 54,9 GWh ließen sich rund 15.700 durchschnittliche Berliner Haushalte ein ganzes Jahr lang mit Strom versorgen – bei einem typischen Jahresverbrauch von etwa 3.500 kWh pro Haushalt.
  2. Öffentliche Gebäude:
    Alternativ entspricht die Einsparung dem gesamten Jahresstromverbrauch von über 180 Berliner Schulen (bei einem angenommenen Durchschnittsverbrauch von ca. 300.000 kWh pro Schule/Jahr).

Die Berliner Gigabitstrategie: Wegbereiter der Transformation

Das Land Berlin hat die Chancen der Glasfaser erkannt und mit der Gigabitstrategie „BerlinVernetzen“ einen konkreten Fahrplan vorgelegt:

  • Bis 2025 soll eine flächendeckende Gigabitversorgung durch verschiedene Technologien erreicht werden.
  • Bis 2028 soll der Glasfaserausbau (FTTH/B) vollendet sein.

Um diese Ziele zu erreichen, setzt die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe auf verschiedene Maßnahmen:

  • Digitalisierte Genehmigungsverfahren
  • Einsatz ressourcenschonender Verlegetechniken und Ausbaumethoden,
  • Koordination mit Bezirken, Netzbetreibern und Bauträgern
  • Nutzung bestehender Infrastruktur – etwa die Fernwärmetrassen der Berliner Energie und Wärme (BEW), die vom Unternehmen Eurofiber für den Glasfaserausbau mitgenutzt werden

Zusätzliche Vorteile der Glasfasertechnologie

Neben der massiven Energieeinsparung und Dekarbonisierung bietet FTTH zahlreiche weitere Vorteile:

  • Zukunftssicherheit: Gigabitgeschwindigkeiten, niedrige Latenzen – ideal für KI, Smart City, Industrie 4.0 und Telemedizin
  • Betriebskosten: Geringerer Wartungsaufwand, längere Lebensdauer und hohe Netzstabilität reduzieren langfristig Kosten
  • Soziale Gerechtigkeit: Flächendeckende Versorgung ermöglicht gleichwertige Lebensverhältnisse in allen Stadtteilen – auch in Randlagen
  • Wirtschaftliche Resilienz: Unternehmen profitieren von zuverlässigen Anschlüssen, gerade in Zeiten hybrider Arbeitsformen und digitalisierter Geschäftsprozesse

Fazit: Digitalisierung trifft Klimaschutz

Glasfaser ist mehr als nur ein schneller Internetanschluss – sie ist ein strategisches Infrastrukturprojekt für Berlin. Die vollständige Umstellung auf FTTH würde nicht nur die Netzinfrastruktur modernisieren, sondern auch jährlich rund 55 GWh Energie sparen und einen relevanten Beitrag zur CO₂-Minderung leisten. Die Berliner Gigabitstrategie schafft die Grundlage dafür – jetzt kommt es auf Umsetzung und Tempo an.

Berlin hat das Potenzial, Modellstadt für eine klimafreundliche Digitalisierung zu werden.


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